28. März & 4. April 2009: "Der Reisende ohne Gepäck"

Die Fotos des Stücks sehen Sie am Ende dieser Seite!

Ende März zeigte die Bühnenvereinigung Saarwellingen die Premiere des Stückes "Der Reisende ohne Gepäck" von Jean Anouilh. Wie hat der Zuschauer die Aufführung erlebt?

Gaston, die Hauptfigur des Stückes, hat mit 18 Jahren aufgrund einer Kriegsverletzung sein Gedächtnis verloren. Da er danach keine Angaben über seine Familie machen kann, wird er in einer Anstalt untergebracht. Dort lebt er 18 Jahre lang, bis zu dem Zeitpunkt, wo die Aktiven einer Vereinigung zur Familienzusammenführung glauben, seine Familie gefunden zu haben. Die im Grunde tragische Geschichte findet nach einer Reihe von dramatischen, manchmal komischen bis grotesken Szenen, ein glückliches Ende.

vlnr: Jürgen Freichel, Oranna Reinhart, Horst Ziegler, Silvia Freichel, Esther Kallenborn

Die Schwierigkeiten, die mit einer solchen Mischung von Elementen verbunden sind, wurden von den Darstellern sehr gut bewältigt. Das Publikum konnte fühlen, wie sie sich in ihre Rollen sozusagen hinein gelebt hatten. Silvia Freichel spielt die Vorsitzende der Vereinigung zur Familienzusammenführung. Sie ist die überspannte Duchesse, die überzeugt ist, dass Gaston der Sohn der gutbürgerlichen Familie der Renauds sein muss. Mit bemerkenswerter Sicherheit beherrscht sie den sehr umfangreichen Einstiegstext, in dem das bisherige Schicksal Gastons und die Pläne der Duchesse nach und nach offen gelegt werden.
Der sie begleitende Anwalt, Maître Huspar, hätte mit seinem betulichen Gehabe von niemandem treffender dargestellt werden können als von Horst Ziegler, einem echten Urgestein des Saarwellinger Theaters.
Es folgt die Familie, eingeführt durch Joachim Becker als Haushofmeister Jules. Er kennt alle dunklen Seiten der Familienmitglieder, vertritt aber nach außen hin in sehr überzeugendem Spiel die formelle Art des Dieners, der das Image seiner Arbeitgeber unter allen Umständen hochhält.

Die aus nur drei Mitgliedern bestehende Familie Renaud ist das typische Abbild der französischen Bourgeoisie. Die Mutter, Madame Renaud, hat die Fäden in der Hand. Esther Kallenborn verleiht dieser Figur durch ihr entschlossenes Auftreten, ihre klare Sprache und eine immer passende Gestik echte Glaubwürdigkeit. Bemerkenswert, wie sie es versteht, im Verlauf des Stückes in zwei sehr dramatischen Szenen mit ihrem vermeintlichen Sohn Gaston Verhalten und Tonfall zu ändern.
Georges Renaud ist der ältere Sohn der Familie. Wenn er im ersten Teil des Stückes dem vermeintlichen Bruder nach und nach dessen zum Teil schwere Jugendsünden aufzählt, vermutet der Zuschauer zunächst einen tiefen Groll des Älteren gegenüber dem Jüngeren. Dieser Eindruck ändert sich aber völlig, als Georges im weiteren Verlauf des Stückes erstaunlicherweise Verständnis für die Verfehlungen des jüngeren Bruders zeigt und ihm sogar seine tief empfundene Sympathie erklärt. Die Figur von Georges wird von Jürgen Freichel verkörpert. Die abgeklärte Art des älteren Bruders (er ist 48) ist ihm wie auf den Leib geschrieben. Eine der Figur entsprechende verhaltene Gestik und eine gelassene Sprache, die auch noch beim leisen Sprechen sehr gut verstanden wird und sehr eindringlich wirkt, machen das Spiel von Jürgen Freichel glaubwürdig und ergreifend.
Georges' Frau Valentine, gespielt von Oranna Reinhart, hat ein tragisches Schicksal. Sie hatte sich in den jüngeren Bruder verliebt, aber den älteren Georges geheiratet. Sie leidet darunter, dass ihr Ehebruch mit dem jüngeren den Familienmitgliedern nicht verborgen blieb, aber noch mehr unter der Tatsache, dass Gaston sich nicht mehr an ihre Liebe erinnern will. So muss die Darstellerin über die ganze Dauer des Stückes hinweg diesen Zwiespalt der Gefühle aufrecht erhalten. Eine schwierige Rolle, der sie nicht zuletzt durch feine Gesten und wechselnde Mimik gerecht wird.

'Gaston' Torsten Sprengert

Zwischen allen genannten Charakteren steht Gaston mit seinem Gedächtnis-verlust. Über lange Strecken werden die Zuschauer im Zweifel darüber gelassen, ob er der verlorene Sohn der Familie Renaud ist oder nicht. Erst gegen Ende des Stückes gibt es einen Beweis seiner Identität als Jacques Renaud. (Den Namen Gaston hatte man ihm in der Anstalt gegeben. Von der Familie wird er immer wieder mit Jacques angesprochen.) Zu diesem Zeitpunkt hat er aber beschlossen, auf keinen Fall wieder in diese Familie zurückzukehren. Er hat erkannt, dass sein Gedächtnisverlust ihm die Freiheit gibt, ein neues Leben zu beginnen.
Die Figur des Gaston wird von Torsten Sprengert in hervorragender Weise verkörpert. Aufgrund seines überzeugenden Spiels geht der Zuschauer voller Spannung mit ihm den schwierigen Weg zur Findung seiner Identität. Über die gesamte Dauer des Stückes mit all seinen Höhen und Tiefen ist Torsten Sprengert mit Leib und Seele dieser einsame Mensch, den so viele um ihn herum vereinnahmen wollen, und das Publikum atmet hörbar auf, als Gaston am Schluss das rettende Angebot des kleinen Engländers ergreifen kann. Das ist Theater hautnah!

vlnr: Monika Wunsch, Magda Schreiner-Merches, Norbert Müller-Adams, Clemens Reinhart, Joachim Becker

Bei aller Dramatik finden sich in dem Stück von Anfang an immer wieder komische Elemente. Hierzu trägt nicht zuletzt das Personal der Familie Renaud bei. Die Regie beweist hier viel Originalität: Die Zofe (Magda Schreiner-Merches), der Kammerdiener (Clemens Reinhart), die Köchin (Monika Wunsch), der Chauffeur (Norbert Müller-Adams) kämpfen vor dem geschlossenen Vorhang, mit dem Hintern zum Publikum, um den Blick durch ein Schlüsselloch, durch das man die Gesellschaft im Salon beobachten kann. Was dabei so geredet wird -in Saarwellinger Platt, in Berlinisch, in Hochdeutsch mit Streifen- spricht Bände über die Verhältnisse im Hause Renaud.
Wenn die Dienstboten, jeder auf seine Art originell, aus Platzgründen nicht einzeln beschrieben werden können, so muss doch die Zofe Juliette erwähnt werden. Sie hatte mit fünfzehn ihr erstes Liebesabenteuer mit dem jungen Renaud. Gaston will sich aber nicht daran erinnern, was bei Juliette einen starken Ausbruch von Gefühlen hervorruft. Der Zuschauer ist überrascht zu sehen, wie glaubhaft Magda Schreiner-Merches zum einen die in ihrem Stolz verletzte Juliette verkörpert, zum anderen aber -mit betont weinerlicher Stimme und ins Komische abgleitend- ihre Geschichte mit den Figuren in einem kitschigen Liebesroman in Verbindung bringt.

Michael Sprengert & Tobias Freichel

Die Gelegenheit zur Befreiung bietet sich für Gaston durch die eigenartigen familiären Verhältnisse eines kleinen Engländers, der unvermutet mit seinem Anwalt, Maître Pickwick, auftaucht. Pickwick, Michael Sprengert, hat nur einen kurzen Auftritt, wirkt dabei aber "very british". Gleiches gilt für den jungen Erben Madensale, der von Tobias Freichel gespielt wird. Es ist erstaunlich, mit welcher Natürlichkeit und sprachlichen Sicherheit der erst vierzehnjährige seiner Rolle gerecht wird.


Ein großes Kompliment ist dem Regisseur zu machen. Zur Ergänzung der bescheidenen Bühnenverhältnisse werden die Vorbühne und der Zuschauerraum in das Spiel mit einbezogen. Erwähnenswert ist auch der -vom Autor Anouilh nicht vorgesehene- Einsatz von Musik: Insbesondere solche Szenen, in denen Nachdenken angesagt ist, werden sehr dezent durch kurze Musiksätze untermalt.

Fazit: In der Saarwellinger Festhallte wurde ein bedeutendes Stück der französischen Bühnenliteratur durch engagierte und kompetente Theatermacher in hervorragender Weise aufgeführt. Der begeisterte Applaus des vorwiegend jungen Publikums war der beste Beweis dafür.

Karl Heinz Scherer

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